Oktober II

Stellungnahme zur Evaluierung der Kulturförderungen der Stadt Graz

Von Christoph Thoma, geschäftsführender Intendant der Grazer Spielstätten Orpheum, Dom im Berg und Schloßbergbühne Kasematten GmbH

Die Studie:
http://www.kulturserver-graz.at/pdfs/studie_evaluierungstext.pdf

Bericht an den Gemeinderat vom 22.09.2011:
http://www.kulturserver-graz.at/pdfs/studie_informationsbericht.pdf


1. Die Grazer Spielstätten GmbH haben als Tochtergesellschaft der Theaterholding Graz/Steiermark GmbH bereits im Zuge des Sparpakets des Landes Steiermark 9 % der Gesamtförderung von 10/11 auf 11/12 verloren. Dass 9 % Kürzung der Gesamtförderung in erster Linie die variablen Kosten Programm und Marketing betreffen, muss nicht weiter ausgeführt werden. Real heißt das: minus 30% im Programmbudget, minus 36% im Marketing.

2. Die Grazer Spielstätten haben kein Programmbudget von 1,1 Millionen, sondern eine Gesamtförderung von Stadt Graz (45%) und Land Steiermark (55%), wo alles abgedeckt werden muss. 2011/12 sind EUR 80.000,- fürs Programm vorgesehen. Die Darstellung in der Evaluierung entspricht nicht der Realität. Alles andere weckt Begehrlichkeiten, die nicht erfüllt werden können. Beispielsweise würden durch weitere Kürzungen Projekte wie das spleen-Festival oder das Festival der Jazzwerkstatt Graz 2012 nicht mehr im Orpheum und im Dom im Berg stattfinden können.

3. Die Konzeption von Prof. Richard Kriesche stammt aus dem Jahr 1999 und ist nicht mehr Teil der Unternehmensphilosophie der Grazer Spielstätten. Auch da wird mit falschen Tatsachen argumentiert. Die Grazer Spielstätten arbeiten nach einem von Stadt und Land beschlossenen kulturpolitischen Auftrag sowie einem vom Aufsichtsrat genehmigtes Unternehmenskonzept. Im Übrigen muss die Argumentation auf Seite 40, Punkt 2. Korrigiert werden: Sowohl im kulturpolitischen Auftrag wie im Unternehmenskonzept sind Leistungsvereinbarungen und die inhaltliche Ausrichtung klar definiert. Dieser Punkt ist für wie die Punkte 1 und 2 falsch dargestellt und entspricht nicht der Realität.
Ergänzend dazu: Seite 68, Punkt 3.:
Die Leistungsevaluierung (mit Effektivitäts- und Effizienzkontrolle) kann für die Grazer Spielstätten Folgendes angemerkt werden: Diese passiert jährlich im gesamten Konzern der Theaterholding und wurde insbesondere im Zusammenhang mit dem Solidarbeitrag, der unter Punkt 1 beschrieben ist, konzernweit im kleinsten Detail erarbeitet.

4. Die Forderung, dass 1% der Holdingförderung auf die freie Szene umgelegt werden sollte, erinnert nicht an eine Evaluierung, sondern viel mehr an einen Forderungskatalog der IG Kultur, was sich alles ändern muss. Alle weiteren Kürzungen an den Grazer Spielstätten werden massivst die Substanz angreifen und den Betrieb in dieser Form nicht mehr realisieren lassen, was in Folge nur heißen könnte: Umlegen auf die Mieter oder eben massiver Verlust der infrastrukturellen Qualität, die wohl in keinster Weise in Frage zu stellen ist.
Ergänzend dazu: Seite 40:
Die Ängste der großen Festivals, dass die Mietkonditionen 2011 oder 2012 steigen, kann ich für die Grazer Spielstätten entschärfen. Mit dem Steirischen Herbst beispielsweise wurden bereits Konditionen für 2012 besprochen, die Styriarte ist nicht in unseren Häusern präsent.

5. Ich spreche nochmals als Geschäftsführer der Grazer Spielstätten und nehme Bezug darauf, dass auch die Theaterholding von unabhängigen Gutachtern auf deren Budgetelastizität durchleuchtet werden sollte. Dies wird seit meinem Amtsantritt im Oktober 2008 jährlich ausführlichst gemacht (auch von Unabhängigen!), und folglich jährlich das Budget und alle Ausgaben hinterfragt. Zur Information wurden seit 2008/09 in den Grazer Spielstätten mittlerweile 3 von 19 Stellen eingespart, die Kernprozesse evaluiert, eine Wissensdatenbank als Veranstaltungstool implementiert usw. Im Gegenzug steht eine massive Auslastungssteigerung seit 2008/09 von 450 auf 620 Veranstaltungen in der Spielzeit 2009/10. Auch das wurde auf Seite 77 falsch dargestellt.
Vereinfacht: 577 Fremdveranstaltungen, 41 Eigen- bzw. Kooperationsveranstaltungen, Gesamt 619 Veranstaltungen bei insgesamt 173.000 Besucher in der Spielzeit 2009/10.

Ich erlaube mir auch festzuhalten, dass ich bezweifle, dass ohne Rücksprache mit dem Geschäftsführer und Prokuristen der Grazer Spielstätten festgestellt werden kann, dass die Grazer Spielstätten als Teil der großen Kulturflaggschiffe bestens ausgestattet sind (siehe Fußnote auf Seite 57). Das ist eine Mutmaßung der Evaluierenden, die nicht der Realität entspricht.
Ergänzend dazu Seite 12, Punkt e.:
Die Studie aus dem Jahr 2004 ist mir leider nicht bekannt, ich würde das gerne auch in Form von Arbeitsplätzen, Kaufkraft, Tourismus etc. interpretieren, dann würde das eine andere Aussage zulassen.

6. Bezugnehmend auf Punkt 4 kann festgehalten werden, dass aktuell die Mietkonditionen gehalten werden können, was aber für 2012/13 nicht garantiert werden kann, da Infrastruktur- und Personalkosten steigen. Die Grazer Spielstätten GmbH sind eine Gesellschaft im Eigentum der öffentlichen Hand, daher gilt es für die Geschäftsführung darauf zu achten, ausgeglichen zu bilanzieren. Und wissend, wie Budgets erstellt werden, und auch für die freie Szene umsichtigt agierend, sind die derzeitigen Konditionen und Kooperationen bei weiteren Kürzungen nicht zu halten.

7. Der Hinweis, dass die freie Szene und insbesondere das Kinder- und Jugendtheater nicht betriebswirtschaftlich arbeitet, kann als Denkfehler und Kernproblem der freien Szene verstanden werden. Wirtschaftlich zu arbeiten heißt nicht, Gewinne zu erzielen, sondern kostendeckend zu arbeiten. Auch die freie Szene wird sich neue Formen der Finanzierung überlegen müssen.

8. Direkt zu Punkt 7: Die neu eingeführte Garderobengebühr von EUR 0,35 pro Ticket ist ein Service für das Publikum, das seit 01.09.2011 keine Garderobengebühr mehr zu entrichten hat. Eine Erhöhung von EUR 0,50 pro Ticket ist legitim, entspricht nicht dem Verbraucherindex und bringt jedem Veranstalter zusätzliche Einnahmen von EUR 0,15. Dieses Argument sollte jeden Veranstalter überzeugen.

9. Was in der Evaluierung bei den Grazer Spielstätten auf den Seiten 77 und 78 komplett fehlt, ist die bereits bestehende Vernetzung in die Szene, wenn schon immer wieder dargestellt wird, wie innovativ und gut die freie Szene agiert, dann sollte fairerweise auch dargestellt werden, dass die freie Szene von den Großen profitiert - was selbstverständlich auch vice versa gilt: Auch die Grazer Spielstätten profitieren durch Kooperationen und gemeinsame Projekte, denn dadurch steigt die Qualität des Programms wie auch die Wahrnehmung, was nur im Sinne der ehemaligen Kulturhauptstadt Graz sein kann.

Überblick über realisierte Kooperationen der Grazer Spielstätten mit der freien Szene sowie sogenannten institutionellen Kulturbetrieben:
Graz und Steiermark
at_Tendance / Christina Medina, Austrian Soundcheck, Bühnenwerkstatt Graz, Grazjazz, Hin & Wider (Verein zur Förderung der Kleinkunst), Jazzwerkstatt Graz, Diagonale, Kunstuniversität Graz, Mezzanin Theater, Radio Soundportal, Steirische Gesellschaft für Kulturpolitik, Steirischer Herbst, Steirische Kultur Service GmbH, Theater Mundwerk, Spleen-Festival für junges Publikum
National
Anton Bruckner Privat Universität Linz, Assitej Austria, Bludenz Kultur GmbH, Bregenzer Festspiele, Dschungel Wien, Jazzwerkstatt Bern, Jazzwerkstatt Wien, Jeunesse Österreich/Graz, KulturKontakt Austria, ProSkript Verlag, Salam.Orient Wien, Sargfabrik Wien, Theater des Kindes Linz, Kaiserverlag Wien
International
CarréRotondes Luxemburg, Elbphilharmonie Hamburg (Hamburg Musik gGmbH), Festival d'Infanzia Mantua, Netzwerk Junge Ohren Berlin, Philharmonie Luxembourg, RESEO

Der auf Seite 35 geforderte Imagetransfer des Kunsthauses Graz, wird von Grazer Spielstätten bereits vorgelebt.

10. Der Jazz Sommer Graz wird in einem Satz mit seinem attraktiven und breiten Jazzprogramm lobend erwähnt. Im Gegensatz dazu wird die Jazzwerkstatt Graz in keinem Satz erwähnt, ein Kollektiv aus MusikerInnen, die innovative Projekte in internationalem Kontext darstellen (beispielsweise die Kuba- und Bosnienprojekte, die von den Grazer Spielstätten initiiert wurden), ebenso konnte das jährliche Jazzwerkstatt-Festival mit dem Entgegenkommen der Grazer Spielstätten optimiert werden konnte und 2010 erstmals um ein Diskursprogramm für freischaffende JazzmusikerInnen erweitert werden.

11. Auch gamsbART wird sehr ausführlich dargestellt: Der Austrian Soundcheck ist mittlerweile eine sinnvolle Kooperation mit den Grazer Spielstätten. Insbesondere das diesjährige Thema „Fremd sein", u.a. mit einem begleitenden Blog, dokumentiert das (http://grazerspielstaetten.wordpress.com/).

12. Selbiges gilt für die Jeunesse, die ebenso als sinnvolle Kooperation mit den Grazer Spielstätten Neues möglich macht, was weder die Jeunesse noch die Grazer Spielstätten alleine stemmen könnten. Die Schulangebote der Grazer Spielstätten und der Jeunesse werden im Übrigen von rund 3000 Grazer SchülerInnen pro Spielzeit wahrgenommen.

13. Kulturvermittlung wird immer wieder herausgestrichen, leider wird verkannt, dass auch institutionelle Kulturbetriebe innovative Kulturvermittlung machen können. Es gilt auf folgende Projekte der Grazer Spielstätten seit 2009 zu verweisen:

  • •Cinello - Konzerte für Kinder von 1 bis 3 Jahren: einzigartig in Österreich, ausgezeichnet mit einer Förderung der Ernst von Siemens-Musikstiftung, Kooperation mit der Jeunesse Österreich, siehe: http://www.youtube.com/watch?v=AeRAMomnwOs
    http://www.youtube.com/watch?v=Gk5ebSiiD94&feature=related 
  • Projekt „Short Stories" der @tendance, das zu 1/3 aus dem Programmbudget der Grazer Spielstätten finanziert wurde und ohne die Grazer Spielstätten nicht realisiert geworden wäre. Im Übrigen ist es von den Grazer Spielstätten nach Wien verkauft worden, was dem Projekt sehr dienlich ist. Siehe: http://www.youtube.com/user/ShortStoriesChannel 
  • Projekt „Der magische Klang und die Schurken" (Für Menschen ab 5 Jahren), Musiktheater, Koproduktion der Grazer Spielstätten mit der Philharmonie Luxembourg, den Bregenzer Festspielen und der Jeunesse Österreich, Inszenierung: Simon Windisch (Graz)
  • Theaterserien mit dem Mezzanin Theater (Ralf, Schwapp) und dem Theater Mundwerk
  • Kooperation mit spleen 2010/2012 und Jungwild 2011 (u.a. TaO)
  • Sitzkunst Orpheum: Einbindung von BerufsschülerInnen und Künstler. Siehe: http://www.youtube.com/watch?v=EcgplIOOgzA 
  • Interkulturelles Partizipationsprojekt mit den YAP, dem Jugendzentrum der Stadt Graz. Siehe: http://www.youtube.com/watch?v=rfvs1H_tLXY 
  • Partizipatives Kulturprojekt zu Daniil Charms „Reise nach Brasilien" (mit den Preisträgern des Junge Ohren Preises 2010) mit der gesamten Volksschule Gabelsberger, jene Schule in Graz, die den höchsten Anteil an Menschen mit nicht Deutsch als Muttersprache hat (90%).
  • Kunstvermittlungssymposien 2009 (Stadt-Kultur-Hören) und 2011 (Kunst braucht Raum)
  • Ausstellungsreihe im Kulturcafé im Orpheum für junge steirische Fotografen, die allerdings mit 2011/12 auf Grund der bereits in Punkt 1 angesprochenen Sparmaßnahmen von 9 auf 4 Ausstellungen reduziert werden mussten.
  • Ein interkulturelles Community-Tanzprojekt gemeinsam mit dem YAP und der Young Caritas ist gerade im Entstehen und wird 12/13 realisiert werden - Zusammenarbeit mit Bregenz, Linz und Wien.

Conclusio:
Jeder weitere Kürzung der Grazer Spielstätten, auch wenn es nur 1% ist, schadet der freien Szene. Sollte dies unreflektiert umgesetzt werden, wird es viele Projekte in Graz nicht mehr geben!

Rückfragen:
christoph.thoma@spielstaetten.at